Die Kirche als sicherer Ort

Wie machen wir unsere Kirche zu einem sicheren Ort, an dem jeder vor sexuellem, geistlichem und anderem Missbrauch geschützt ist?  Dies war das Thema einer Konferenz, die am 19. und 20. Juni 2026 in Warschau stattfand. Die Veranstaltung wurde von der Gemeinschaft Protestantischer Kirchen in Europa (GPKE) organisiert. Die GPKE, zu der auch die VPKB gehört,  ist ein Zusammenschluss von 96 lutherischen, reformierten, methodistischen und vereinigten Kirchen in mehr als dreißig Ländern. Die Kirchen innerhalb dieses Zusammenschlusses erkennen gegenseitig ihre Ämter an und feiern gemeinsam das Abendmahl. Gleichzeitig ist es eine Gemeinschaft, in der man offen dafür ist, voneinander zu lernen. Bei der Konferenz in Warschau stand dieser letzte Aspekt im Mittelpunkt.

Amtsmissbrauch innerhalb der Kirche ist ein sehr heikles Thema. Davon können wir in Belgien ein Lied singen. Die Folgen sind dramatisch, in erster Linie für die Opfer. Auch für die Situation innerhalb der Kirchengemeinden können die Folgen einschneidend sein und zu schwerwiegenden Spaltungen führen. Es können leicht Fehler begangen werden, wie zum Beispiel mangelnde Transparenz, Versuche, die Situation unter den Teppich zu kehren und zu beschwichtigen, bis hin zum Schutz des Beschuldigten und sogar zum respektlosen Umgang mit dem Opfer. All diese Beispiele können den innerhalb der Gemeinde entstandenen Schaden noch verschlimmern.

Ein Bewusstwerdungsprozess

Der Prozess, unsere Kirche zu einem sicheren Ort für alle zu machen, beginnt mit der Erkenntnis, dass wir als Kirche für die Sicherheit schutzbedürftiger Menschen, Kinder und Jugendlicher in unserer Kirche verantwortlich sind.

Wenn wir von sexuellem Missbrauch in anderen Kirchen und Gemeinschaften hören, neigen wir oft dazu zu denken, dass es bei uns schon nicht so schlimm sein wird. Das ist ein gefährlicher Irrtum. Keine Gemeinschaft ist immun gegen Missbrauch. 

Es erfordert Mut, sich dieser Tatsache zu stellen. Mut für die Opfer, Missbrauch zu melden, Mut für die Täter, sich den Folgen ihres Handelns zu stellen, und Mut für die Gemeinschaft, der sie angehören, sorgfältig mit solchen Situationen umzugehen und die Integrität aller zu schützen.

Innerhalb der Kirchen

In Kirchen herrscht manchmal eine Kultur des Schweigens. Missbrauch muss thematisiert werden. Er muss auch besser erkannt werden, denn oft beginnt er mit kleinen Dingen wie unangebrachten Bemerkungen. Eine Machokultur und stereotype Geschlechterrollen, die in der Gesellschaft insgesamt vorkommen, können auch in Kirchen auftreten, manchmal unterstützt durch bestimmte theologische Ansichten. Es kann auch vorkommen, dass geistliche Autorität missbraucht wird, um Dinge zu vertuschen oder Schweigen zu erzwingen, beispielsweise durch Drohungen mit dem Teufel und der Hölle.

Kirchen sind anfällig für Machtmissbrauch. Der Schwerpunkt liegt auf liebevollem Handeln. Dadurch kann die Wahrung von Grenzen aus den Augen verloren werden. Das kann zur Entstehung unklarer Beziehungen zwischen dem Seelsorger und der Person führen, die seelsorgerische Hilfe sucht, wobei Machtungleichgewichte verschleiert werden. Der Seelsorger ist jederzeit dafür verantwortlich, die Grenzen im Hinblick auf die Integrität der Person, die seelsorgerische Betreuung in Anspruch nimmt, zu wahren.   Bei festgestellter Amtsmissbrauch kann er oder sie strafrechtlich verfolgt und aus dem Amt entlassen werden.

Prävention

Vorbeugen ist besser als heilen. Prävention beginnt damit, das Thema zur Sprache zu bringen. Man muss sich auch bewusst machen, dass Prävention Auswirkungen darauf haben kann, wie wir miteinander umgehen. Manche Menschen empfinden möglicherweise ein Gefühl des Verlusts, wenn beispielsweise der Verhaltenskodex vorschreibt, dass man andere nicht automatisch umarmt. Manche Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie umarmt werden, während dies bei anderen unbeabsichtigte Gefühle hervorrufen kann. Es gibt auch Verhaltenskodizes, die vorschreiben, dass seelsorgerische Gespräche in Anwesenheit einer dritten Person geführt werden müssen. Nicht mehr unter vier Augen, sondern unter sechs Augen …

Prävention hat auch damit zu tun, Situationen zu erkennen und anzusprechen, in denen man als Seelsorger verletzlich ist, zum Beispiel weil man sich persönlich in einer schwierigen Situation befindet. Auch dadurch drohen Grenzen zu verschwimmen.

Wie kann die Kirche sicherer werden?

Um die Kirche zu einem sicheren Ort für alle zu machen, sind Anstrengungen auf vielen Ebenen erforderlich.

  • Zunächst einmal muss innerhalb jeder (lokalen) Kirche klar sein, an wen man sich mit einer Beschwerde wenden kann.
  • Der Kirchenvorstand muss wissen, wie mit einer Beschwerde umzugehen ist. Zu diesem Zweck könnte ein Protokoll entwickelt werden, in dem die Verfahren hinsichtlich der zu ergreifenden Schritte aufgeführt sind. Dabei geht es unter anderem um den Grad der Transparenz, darum, wie die Gemeinde begleitet werden soll, und um die Frage, wie man sowohl mit dem Opfer als auch mit dem möglichen Täter so besonnen wie möglich umgehen kann.
  • Es wäre sinnvoll, wenn für alle MitarbeiterInnen einer Kirchengemeinde – sowohl für bezahlte als auch für ehrenamtliche Kräfte – ein Kurs organisiert würde, der sich mit dem Umgang mit Missbrauch innerhalb der Kirche, dem Umgang mit asymmetrischen Machtverhältnissen, dem Sprechen über eigene Zweifel sowie dem Umgang mit schutzbedürftigen Menschen und Kindern befasst. In manchen Kirchen ist die Teilnahme an einem solchen Kurs sogar verpflichtend. Ohne eine Bescheinigung erhält man keinen Zugang zum Amt oder zur angestrebten Funktion.
  • Die gleichen Themen eines solchen Kurses sollten Teil der Ausbildung zum Pfarrer in unserer Kirche sein. Auch in Predigten kann der Schutz der Integrität thematisiert werden, man denke an Boas, der Ruth unter seinen Schutz nimmt, oder an Esther, die sich weigert, vor dem königlichen Gefolge zu tanzen.
  • Wichtig ist auch die Bereitstellung von Unterstützung für (seelsorgerische) MitarbeiterInnen, Amtsträger und Pfarrer, die in schwierige Situationen geraten.

Aufgaben

Die Schaffung einer Kirche als sicherer Ort für alle ist keine Fußnote in unserem Auftrag, sondern ein integraler Bestandteil unserer Aufgabe. Die Vernachlässigung dieser Aufgabe untergräbt die Glaubwürdigkeit der Kirche und steht im Widerspruch zur Botschaft des Evangeliums, für den Nächsten zu sorgen.

Seit 2015 verfügt die VPKB über die Meldestelle für Missbrauch in pastoralen Beziehungen. Das ist ein guter Anfang, aber bei weitem nicht ausreichend. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, was die Entwicklung einer Strategie zur Prävention und Fortbildung sowie die Ausarbeitung eines Protokolls darüber betrifft, welche Schritte zu unternehmen sind, wenn eine Beschwerde wegen Missbrauchs eingereicht wird.

Wir haben noch einiges zu tun, müssen aber glücklicherweise das Rad nicht neu erfinden. In vielen Mitgliedskirchen der GPKE ist man im Umgang mit Missbrauch viel weiter fortgeschritten als die VPKB. Davon können wir profitieren.

Jenny van Drimmelen-Krabbe

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